winterschlaf

5 Nov

dieses jahr der große favorit in cannes gewesen und die goldene palme auch bekommen: winterschlaf. die vorfreude auf den film war groß, dennoch musste ich mich seelisch darauf vorbereiten, denn 196 minuten ohne pause im kinosaal zu sitzen, ist keine leichte sache.
ich packte meine manner-schnitten aus und brachte mich in position.

ku

ein ehemaliger schauspieler aus istanbul hat sich in einem anatolischen dorf niedergelassen, wo er nun ein kleines hotel führt und sich dem schreiben widmet. im zentrum der beziehung zu seiner um vieles jüngeren frau steht das tägliche ausloten der machtverhältnisse. nicht enden wollende diskussionen, vorwürfe und kritik am anderen stehen an der tagesordnung. auch lebt die schwester des schauspielers mit ihnen und auch sie hat einiges an dem paar auszusetzen und das paar an ihr.

der plan der drei aussteiger, die den oberflächlichkeiten der großstadt entkommen und hier zu sich finden wollten, ist nicht aufgegangen. denn gelandet sind sie doch wieder genau dort, wovor sie geflohen waren, nämlich bei sich selbst.

nicht, dass man glaubt, im film würde nur geschrien und gestritten werden, nein, ganz im gegenteil, alles läuft so ruhig und routiniert ab, dass man bald schon weiß, dass es hier nicht nur um diese menschen und ihre belange geht, sondern hauptsächlich um das unsichtbare hamsterrad, in dem sie sich bewegen.

winterschlaf ist bestes autorenkino, die oberste liga des dialog-schreibens. der sonst mit dialogen sparsame nuri bilge ceylan hat sich hier verbal ausgetobt. so deprimierend und unlustig der film sein mag, so kalt und karg die landschaft, keine sekunde habe ich mich gelangweilt oder war ich – abgesehen von den langsam eintretenden rücken- und poposchmerzen – überfordert. ganz im gegenteil, der film baut in all seiner ruhe eine spannung auf, die im besonderen den schauspielern zu verdanken ist, die so natürlich spielen, dass man glaubt, sie seien tatsächlich die personen auf der leinwand. sehr lobenswert ist auch die deutsche untertitelung.

für mich ist das hauptthema des films die selbst- und fremdwahrnehmung. ob bewusst oder unbewusst, wir beurteilen und kategorisieren menschen, haben oft ein bild von jemandem, das vielleicht nicht oder nicht mehr der realität entspricht. in unserem kopf ist das bild dieses menschen so verankert, dass es kaum änderbar ist. unser gegenüber versteht nicht, warum wir ihn anders wahrnehmen, als er sich selbst, so sind diskussionen, enttäuschungen, manchmal leider auch trennungen vorprogrammiert.

ich glaube, dass jeder einzelne zuschauer hier gewisse situationen aus seinem eigenen leben, seinen beziehungen und seinen konflikten wiederfinden und den film ganz individuell interpretieren wird.

der film ist der türkische beitrag bei den nächsten oscars und ab mitte dezember in den deutschen kinos zu sehen. der starttermin in österreich steht noch nicht fest.

the world is yours,

b.

 

 

 

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