haben oder nicht haben

27 Nov

bis vor etwa zwei jahren habe ich es geliebt, zu kaufen, zu kaufen, zu kaufen. damals habe ich noch auf einer der größten einkaufsstraßen wiens gewohnt und ob ich wollte oder nicht, vor meiner haustür gabs immer genug, was ich mit nach hause nehmen konnte. um mir dann einzugestehen, dass ich das, was ich gerade gekauft hatte, schon in einer ähnlichen variante besaß. ein ähnliches kleid, einen ähnlichen lippenstift oder ein ähnliches dekostück. irgendwann war ich von all dem so genervt, dass ich einen großen teil meiner sachen verkauft und verschenkt habe. mein verhalten kann man als sinnkrise bezeichnen, was mir definitiv sehr gut getan hat.
bis heute vermisse ich nichts davon- bis auf ein stück: die österreich-ausgabe eines monopoly-spiels mit schilling-währung. sonst alles vergessen und abgehakt.

überhaupt höre und lese ich immer öfter von leuten, die sich von ihrem besitz trennen und versuchen, mit weniger glücklich zu werden. das hat verschiedenste gründe: manche möchten einfach nichts mehr besitzen und leihen sich die dinge lieber aus, manche boykottieren den konsumterror, andere wiederum fühlen sich mit wenig besitz freier und unabhängiger.

wohnauch der finnische filmemacher petri luukkainen hat eine sinnkrise und zeigt in seinem dokumentarfilm my stuff, wie er damit umgeht.
nach der trennung von seiner freundin versucht er sich lange zeit mit shopping abzulenken, findet aber keine befriedigung darin.  deshalb geht er ein experiment ein:

er schließt sein ganzes hab und gut in einen lagerraum. 365 tage darf er täglich nur einen gegenstand aus dem lager zurück in seine wohnung holen. in dieser zeit wird er auch nichts kaufen und darf sein geld nur für lebensmittel, dienstleistungen und für kinokarten ausgeben.  das experiment beginnt: er sitzt splitternackt in der leeren wohnung. es hat minusgrade und es schneit; er läuft nackt- der bereich unter der gürtellinie mit zeitungspapier bedeckt- durch die straßen helsinkis zum lager und holt sich seinen mantel, die tage darauf schuhe und eine decke.

in dieser zeit muss er grundlegende entscheidungen treffen: klobürste oder waschmaschine, löffel oder stuhl. seife oder klopapier.

am ende des films haben sich wieder 365 gegenstände in seiner wohnung eingefunden; mindestens so viele sind im lager zurückgeblieben.
doch warum hat er sich solchen quälereien ausgesetzt? weil er herausfinden wollte, was er im leben braucht und was ihn tatsächlich glücklich macht.  man könnte sagen, er war auf der suche nach etwas, von dem er nicht wusste, was es ist und hatte ein jahr lang die möglichkeit, es herauszufinden.

das experiment liegt nun zwei jahre zurück, also wollte  ich wissen, wie petris leben heute aussieht und ob es veränderungen gibt.

gechheute, meinte er, finde ich es fast absurd, dass ich mich so sehr mit materiellen dingen auseinandergesetzt habe; dennoch, meine einstellung dazu hat sich vollkommen geändert. früher dachte ich, dass ich das bin, was ich besitze und mein leben das ist, was ich besitze. heute weiß ich, dass besitz nichts mit geld zu tun hat.
solche erkenntnisse hört man ja oft von menschen, die ähnliche erfahrungen gemacht haben.

seine bilanz:
gegenstände sind wie beziehungen. so wie du eine beziehung zu deinen freunden aufbaust, baust du eine zu deinen sachen auf. und so wie du die beziehung nur zu einer bestimmten anzahl von freunden haben kannst, kannst du sie auch nur zu einer bestimmten anzahl von dingen haben.  räumst du deine dinge weg und siehst sie eine zeitlang nicht, vermisst du sie irgendwann auch nicht mehr.

und was wirst du zu weihnachten schenken, fragte ich ihn. keiner erwartet sich von mir geschenke, antwortete er, von mir gibt es umarmungen als geschenk. manchmal auch eine einladung ins kaffeehaus.

die suche nach sich selbst durch experimente finde ich spannend, deshalb hat mir der film gut gefallen. ob er nach österreich kommen wird, steht noch nicht fest, in den ersten monaten des nächsten jahres wird er mit dem titel alles auf anfang in die deutschen kinos kommen.

viel spaß beim shoppen.

the world is yours,

b.

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